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Die Geburt | Meine selbstbestimmte Geburt ging flöten! Teil 2

Im zweiten Teil meiner Geburtsberichte erfahrt ihr, wie die Geburt von Schmatzipuffer verlief, die guten und die schlechten Momente, und wie diese noch Tage und Monate darauf auf meine Gefühlswelt wirkten. Teil 1 findet ihr hier.

Die Geburt | Die ersten Stunden

Ich hatte bereits vorher für mich entschieden, dass ich die erste Geburtsphase im Wasser verbringen wollte.

Wasser entspannt mich und vermittelt mir Ruhe, Sicherheit und Geborgenheit. Der Körper existiert ohne Gegenwehr, treibt fast schwerelos, leicht und ohne große Mühe im weichen und klarem Wasser.

Das Veratmen der Wehen lief sehr gut.
Mein Mann war bei mir, sehr aufmerksam und gab mir Halt und Sicherheit. Er brachte mir Essen und Trinken und holte die Hebamme, wenn ich Fragen oder Bedenken hatte.

Diese ersten Stunden waren wundervoll, sie waren so wie ich mir meine Geburt gewünscht hatte. Selbstbestimmt, würdevoll und ein wunderbares Erlebnis.

Meine Diensthabende Hebamme, war ein Engel, sie ging hervorragend auf mich ein, bot mir Alternativen an und besprach mit mir alles. Sicherlich hatte ich Schmerzen, aber sie waren im Wasser sehr gut zu veratmen. Nichts desto trotz, verschwand, mit jeder Stunde ein wenig meiner Kraft. Ich befand mich nach sieben Stunden Wehen immer noch in der ersten Phase der Geburt und mein Muttermund war noch lange nicht ausreichend geöffnet. Also besprach ich die Situation mit der Hebamme. Ich schilderte ihr meine Befürchtung, nicht mehr genügend Kraft für die Endphase zu haben. Sie erklärte mir die Möglichkeit und ich entschied mich für ein sanftes Mittel zur Entspannung, was auch sehr gut half. Ein krampflösendes Spasmolytikum, welches eine erweichende Wirkung auf den Muttermund hatte und mir etwas Entspannung bringen sollte.

Ich bin noch heute erstaunt über die Tatsache, wie kräftezehrend diese ersten Stunden waren, damit hatte ich nicht gerechnet und so etwas kannte ich bis dahin auch nicht. Diese Stunden hatten mich so schrecklich erschöpft und jede weitere Wehe kostete mich wieder ein Stück von meiner wenigen, übriggebliebenen Kraft.

Ohne die Hilfe meines Mannes, konnte ich nicht mehr laufen und auch nicht stehen. Als mir klar wurde, was die fehlende Kraft für mich und die Geburt bedeutete, bekam ich große Angst. Ich hatte Angst um mein Baby.

Eine unheimliche Furcht, hatte mein Herz umklammert und ich konnte den Gedanken nicht abschütteln, dass die Kraft nicht ausreichte um mein Kind zur Welt zu bringen.

Die Geburt |Einsame Stunden

Ich bin von der Wanne in den Kreißsaal umgezogen, denn nur so war die Medikamentengabe möglich. Im Kreißsaal fand ich, für mich, einfach nicht die richtige Position, denn ich hatte kaum noch Kraft. Stehen ging nicht und ich hatte das Gefühl das, das Liegen auf dem Rücken am angenehmsten war, da ich mich so nicht so anstrengen musste und dadurch nicht verkrampfte. Trotz allem ging das letzte Stück vom Muttermund einfach nicht auf, der letzte Zentimeter wollte nicht schwinden. Die Geburt stagnierte. Diese Situation frustrierte mich, ich fühlte mich hoffnungslos und meine Kräfte schwanden von Wehe zu Wehe, auch das krampflösenden Mittel, konnte an dieser Tatsache nichts ändern.

Ich war mehr als froh, dass mein Mann bei mir war. Er war der einzige Halt und war für mich und mein ungeborenes Kind da.

Ich hatte mittlerweile einen Erschöpfungszustand erreicht, der heftiges Zittern auslöste. Mein ganzer Körper zitterte unkontrollierbar und hörte einfach nicht mehr auf.

Mein Mann versuchte eine Hebamme aufzutreiben. Er hatte Angst das etwas mit mir nicht stimmte. Ich selber, war kaum noch in der Lage zu sprechen. Nachdem er eine Hebamme gefunden hatte, kam er mit ihr zurück und das beruhigte mich etwas. Sie meinte, dass das Zittern nur von der Erschöpfung käme und völlig normal sei.
Die Schmerzen waren durch das Medikament nicht mehr so kräftezerrend und so veratmete ich eine Wehe nach der nächsten, während die Zeit verging ohne, dass sich etwas tat.

Ab diesem Moment wuchs meine Verzweiflung mit meiner Erschöpfung immer weiter und das ohne merklichen Fortschritt. Ein schrecklicher Zustand, wenn der Körper unter Schmerzen steht.

Dazu kam das meine Hebamme fast nur abwesend war, weil eine Handvoll anderer Mütter die letzte Geburtsphase vor mir erreichten und mir wurde klar, dass meine Hebamme wohl vor mir Feierabend haben wird.

Und so war es dann auch, es kamen zwei neue Hebamme, in einer Phase in der ich schon kaum noch in der Lage war etwas mitzubekommen.

Ich hatte keine Beziehung und kein Vertrauen zu ihnen aufbauen können. Ab diesen Moment ging meine Selbstbestimmte und traumhafte Geburt flöten.

Die Geburt |Die Komplikation

In meinem Kopf befand sich ein dichter Nebel, der mich von dem was außerhalb passierte fast abschottete. Hier und da drangen ein paar Wortfetzen und Bildern hindurch, aber darauf reagieren konnte ich kaum noch. Ich bekam mit, das mein Baby eine ungünstige Haltung im Geburtskanal hatte. Der Kopf lag schräg und die Schulter war hochgezogen. Deshalb schwand auch der letzte Zentimeter vom Muttermund ewig lange nicht. Meine Körper reagierte wohl auf diese ungünstige Lage und verlangsamte die Wehen. Ich bekam nur mit, wie eine der neuen Hebammen mir erzählte, dass sie mir ein Wehen anregendes Mittel gibt, dann wurden die Wehen auch schon richtig heftig.

Dieser Moment war furchtbar, ich hatte keine Möglichkeit einzugreifen, konnte auch nichts hinterfragen, bekam auch keine Erklärung oder Chance eine Alternative zu wählen. Es wurden mir auch keine Alternativen zum Wehen fördernden Mittel genannt. Eine mir völlig fremde Person, der ich nicht vertraute, entschied in dem Moment über mich, meinen Körper und mein ungeborenes Kind. Das war zu viel für mich!

Im Nachhinein, bin ich nur froh, dass ich in diesem Moment so wenig mitbekam und mir diese Tatsache erst später bewusstgeworden ist.
Ich ging in die Austreibungsphase, und erlebte ein völlig neues Ausmaß an Schmerzen. Um den Drang zu Pressen entgegenzuwirken, hechelte ich was das Zeug hielt und es funktionierte auch wunderbar. Irgendwann drang die Stimme meines Mannes zu mir hindurch. Ich versuchte mich auf seine Worte zu konzentrieren. Es war mir noch nie so schwer gefallen einen Satz zu verstehen. Er musste ihn mehrmals wiederholen, bis ich ihn begriff. Die Hebamme hatte wohl schon längst gesagt ich dürfte pressen und müsste die Wehen nicht mehr weghecheln. Also stellte ich das Hecheln ein und presste mit jeder Wehe. Zu diesem Zeitpunkt waren meine Kräfte fast verschwunden.

Mein Körper reagierte auf die Erschöpfung nach wie vor mit heftigem Zittern. Ich konnte meine Beine nicht mehr anziehen oder hochhalten, also wurde von einer Hebamme eine Stütze aufgebaut. Während das alles passierte, war wohl auch schon ein Arzt da, was ich aber erst später mitbekam. Es war auch gut so, es hätte mir nur Angst gemacht, denn er war da, weil meine Geburt nicht unkompliziert verlief, sondern einen schwierigen Verlauf genommen hatte.

 

Die Geburt | Der Beginn eines neuen Lebens

Ich war kurz vor dem aufgeben. Meine Kräfte verließen mich komplett. Ich war hoffnungslos! Die Hebamme merkte es scheinbar, denn sie ergriff meine Hände und legte sie auf etwas Warmes, Feuchtes und Haariges. Der Kopf von meinem Baby.
Für einen kurzen Moment war der Nebel verschwunden und ich konnte einen klaren Gedanken fassen, da ist der Kopf von meinem Baby, es ist fast geschafft. Reiß dich zusammen, du kannst das! Meine innere Stimme behielt recht.

Urplötzlich konnte ich aus einer neuen Kraft schöpfen. Der Gedanke an mein Baby machte mich stark, gab mir Kraft und verhalf mir die letzten Minuten der Geburt zu überstehen.

Ich spürte plötzlich keine Schmerzen mehr und mein Baby landete auf meiner Brust. Ich war in diesem Moment schockiert und war über mich selbst überrascht, denn da war keine Freude und auch keine Liebe, oder Zuneigung für dieses kleine Wesen. Warum, wieso weshalb erfahrt Ihr in meinem Artikel zum Wochenbett.

Die Geburt hatte starke Verletzungen mit sich gebracht. Ich hatte einen Dammriss 3.Grades und eine Arterie war dabei verletzt worden, so dass ich sehr viel Blut verlor. Mein Baby lag nur ganz kurz auf meiner Brust, bevor es mitgenommen wurde und ich in den OP musste. Ich bin mir heute sehr sicher, dass ich mehr Zeit mit Schmatzipuffer nach der Geburt gebraucht hätte. Der Moment war zu kurz, zu schockierend und so konnten sich meine Gefühle nicht wandeln, nicht entwickeln und brachten uns schwere erste Monate und einen Babyblues. Mir fehlte die Zeit und Gelegenheit für die erste zarte Bindung. Eine Bindung die für das Kind und vor allem auch für die Mama so wichtig ist.

 

Die Geburt | Ein Fazit

Während ich Euch diese Zeilen schrieb ist mir sehr vieles klargeworden. Ich weiß nun, warum meine Geburt so schmerzhaft für mich war, so schrecklich, dass ich ewig nicht mehr daran denken wollte. Es ist das Gefühl sich ausliefern zu müssen. Keine Möglichkeit der Selbstbestimmung zu haben. Menschen Vertrauen entgegen bringen zu müssen ohne, dass ich diese kenne, oder sie sich dieses Vertrauen verdient hätten.

Das eigene Leben von fremden Menschen lenken lassen zu müssen. Sie treffen Entscheidungen, die ich selbst, vielleicht anders entschieden hätte. Es ist wahnsinnig schwer mit etwas ins Reine zu kommen, was nicht von einem selbst entschieden oder gelenkt wurde.

Und tief in meinem Inneren bleibt die Frage, ob die beiden Hebammen, die richtigen Entscheidungen für mich getroffen haben. Haben sie in meinem Sinne, zu meinem Wohl gehandelt, oder waren ihre Entscheidungen von den anderen vollen Kreißsälen, der Überarbeitung und Überbelegung im Krankenhaus beeinflusst? Ich werde darauf wohl nie eine Antwort erhalten, werde nie wissen, ob die Komplikation, nicht ohne einen Dammriss 3.Grades hätte ablaufen können. Aber es gibt etwas was ich genau weiß! Ich weiß jetzt, dass ich keine Angst vor einer zweiten Geburt zu haben brauch, es aber ein paar Kleinigkeiten gibt die ich beachten muss um nicht wieder denselben Weg einzuschlagen. Welche das sind, erfahrt ihr demnächst in einem Gastbeitrag von mir für die wunderbare Mother Birth.

Die uns genommenen Momente nach der Geburt, hatten einen großen Einfluss auf die sich entwickelnden Gefühle zu meinem Geburtserlebnis. Ich hatte sehr schmerzhafte, kräftezerrende und anstrengende Stunden erlebt und konnte das dadurch gewonnene Leben nicht festhalten, erkunden, oder fühlen. Kaum, dass ich die Situation zu realisieren begann, wurden wir wieder getrennt und ein Bindungsaufbau konnte nicht stattfinden und auch das Belohnungszentrum nicht anspringen.

Die Geburt 2016-08-31_11.40.46

Ich empfand nach der Geburt eine große Leere in mir, die mein geborener Sohn lange Zeit nicht auffüllen konnte. Aber wir sind beide Kämpfer und haben für uns und unsere Bindung gekämpft. Sie ist nun unzertrennlich, härter als Stahl und fast unzerstörbar.

Aber immer mal wieder taucht in meinem Kopf das kleine Wörtchen “Wenn“ auf. Wieviel Leid und Kummer hätten wir uns ersparen können, wenn….
Eine Antwort darauf gibt es nicht, aber diese Gedanken werden mich trotzdem für den Rest meines Lebens begleiten.

Bis bald, Eure

Kathi

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